Faszien – dieses geheimnisvolle Netzwerk in uns – rücken seit einigen Jahren immer stärker in den Fokus von Yoga, Therapie und moderner Gesundheitsforschung. Doch was bedeutet Faszienarbeit eigentlich in der Praxis? Wie verändert sie unser Körpergefühl, unsere Beweglichkeit – und sogar unsere mentale Verfassung?
Um all diesen Fragen nachzugehen, habe ich mich mit Günter Fellner unterhalten, einem Yogalehrer, der sich seit vielen Jahren auf die Verbindung von Yoga und Faszien spezialisiert hat. In unserem Gespräch erzählt er offen, persönlich und mit viel Erfahrung davon, wie dieses feine Gewebe unser Leben beeinflusst und warum Faszienarbeit oft weit mehr bewirkt, als wir zunächst glauben.

Wie bist du selbst auf die Verbindung zwischen Yoga und Faszien aufmerksam geworden? Gab es einen „Aha-Moment“ in deiner eigenen Praxis?

Vor etwa 15 Jahren hatte ich vom Thema Faszien noch kaum eine Vorstellung – und selbst in der Medizin wurde das Bindegewebe teilweise noch großflächig entfernt, weil man seine Bedeutung unterschätzt hat.
Der Funke sprang erst durch meine Masseurin über, die damals eine Weiterbildung in Faszienmassage absolvierte. Zu dieser Zeit arbeitete ich in der IT, machte viele Überstunden und litt unter starken Beschwerden im Nacken, in den Schultern und im unteren Rücken.
Sie empfahl mir, Faszienyoga auszuprobieren – damals noch weitgehend unbekannt, ähnlich Yin Yoga, mit längeren Dehnungen entlang von Faszien- und Muskelketten. Lange Zeit wollte ich davon nichts hören und ließ mich lieber „nur“ behandeln, statt selbst aktiv zu werden.
Bis ich irgendwann meinen inneren Schweinehund – liebevoll „Günter“ genannt – überwunden und meinen ersten Yogakurs besucht habe. Es war ein anstrengender Hatha-Yoga-Kurs, und ich war unglaublich unbeweglich. Ich hoffte auf ein schnelles Ende der Stunde und dachte: „Nie wieder!“
Doch durch die Atemübungen und die Traumreisen in der Endentspannung kam ich mental aus meiner Stressspirale. Ich wurde ruhiger, gelassener und innerlich weicher. Das war der Grundstein dafür, Yoga Schritt für Schritt in mein Leben zu integrieren – und es bis heute nicht mehr missen zu wollen.

Wenn du Faszien in einem Bild oder einer Metapher beschreiben müsstest – welches wäre das?

Im Faszientherapie-Lehrgang zeigte uns der Referent Dr. Haas ein Zitronennetz. Die Zitronen stehen für die Organe, das Netz für die Faszien. Ziehst du an einer Stelle, bewegt sich alles mit.
So funktionieren Faszien: wie ein feines, dreidimensionales Spinnennetz, das den ganzen Körper durchzieht und alles miteinander verbindet. Wenn ein Faden verklebt oder verspannt ist, wirkt sich das oft weit entfernt vom eigentlichen Problem aus.
Faszienarbeit bedeutet, diese Verbindungen zu lösen, neu zu ordnen und das Gewebe wieder geschmeidig zu machen.

Viele kennen Faszien nur als „Bindegewebe“ – was steckt deiner Meinung nach wirklich dahinter, das uns im Yoga hilft?

Die moderne Faszienforschung ist faszinierend und hat in den letzten Jahren unser Verständnis des Körpers stark verändert. Heute wissen wir, dass Faszien weit mehr sind als bloßes Bindegewebe: Sie wirken wie ein hochsensibles Sinnesorgan, das unsere Körperwahrnehmung und Ausrichtung maßgeblich beeinflusst. Wenn die Faszien gesund und geschmeidig sind, fühlen sich Haltungen feiner, klarer und stabiler an.
Zudem hat man erkannt, dass viele Schmerzen, die früher den Muskeln zugeschrieben wurden, tatsächlich aus den Faszien stammen. Jede Muskelhülle besteht aus Faszien, und wenn ein Muskel wächst oder angespannt ist, reagiert dieses Gewebe oft langsamer – es braucht also Zeit und längere, ruhige Dehnungen, um nachzugeben und Spannungen zu lösen.
Auch die vernetzte Struktur der Faszien ist bemerkenswert: Verspannungen oder Verklebungen an einer Stelle können Auswirkungen an ganz anderer Stelle haben. Dehnen wir zum Beispiel die Rückseite der Beine, kann das sogar Rückenschmerzen lindern. Dieses Zusammenspiel macht deutlich, wie sehr Faszienarbeit das gesamte körperliche Gleichgewicht beeinflussen kann.

In welchen Momenten der Yogapraxis erlebst du Faszienarbeit als besonders transformierend?

Es gibt viele solcher Momente. Besonders, wenn Menschen spüren, wie weit die Dehnung gehen kann, ohne die Grenze zu überschreiten: der leichte Zugschmerz, der Atem bleibt frei, die Muskulatur lässt los, das Nervensystem signalisiert Sicherheit – und plötzlich verändert sich die Zugspannung im gesamten Gewebe.
Beeindruckend ist auch, wenn Teilnehmer:innen, die früher sehr unbeweglich waren oder aufgrund von Ernährung und Lebensstil „verhärtete“ Faszien hatten, plötzlich flexibel werden – oft auch durch Ernährungsumstellungen. Dies wurde mir selbst erst in der Faszientherapie-Ausbildung so richtig bewusst. Denn Fasziengesundheit braucht auch ausreichende Nährstoffe: Omega-3 & -9 Fettsäuren, Vitamin C, Eiweiß – und viel Wasser.

Kann man Yoga „faszienorientiert“ praktizieren und wem würdest du das empfehlen?

Ja, definitiv. Manche Yogaformen – etwa FaszienYoga oder Yin Yoga – arbeiten ohnehin direkt mit Faszien. Aber auch klassisches Hatha Yoga ist in vieler Hinsicht faszienfreundlich.
Wichtig ist, achtsam zu üben und bei Hilfsmitteln wie Gurten vorsichtig zu sein:
Sie können bei intensiven Dehnungen zu Überlastungen führen, z. B. an Schulterstrukturen (Impingement) oder an den Sehnenansätzen der Oberschenkelrückseite.
Für Menschen ab ca. 50 Jahren empfehle ich meist, auf Gurte als Zugverstärker zu verzichten.

Welche Asana oder Bewegung hältst du für besonders faszienfreundlich – und warum?

Das hängt sehr von der Zielgruppe ab.
In Seniorengruppen leite ich andere Übungen an als in Abendkursen mit vielen Büroangestellten, die oft Schulter- und Nackenprobleme haben. Hier fließen auch Elemente aus Reha, Tai Chi und Pilates ein.
Durch die neuere Forschung wissen wir heute:
Nicht nur passive Dehnungen, sondern auch Schwingen, Federn und dynamische Impulse sind gesund für das Fasziengewebe.
Und: Ich beginne jede Stunde mit Atemarbeit, denn Faszien reagieren direkt auf das Nervensystem.
Stress, Hektik und flache Atmung erzeugen ein „Panzergefühl“. Tiefe, ruhige Atmung öffnet den Körper von innen.

Wie erkennst du als Lehrer, ob jemand eher „in den Muskeln“ oder „in den Faszien“ arbeitet?

Das eine schließt das andere nicht aus – im Gegenteil: Neue Erkenntnisse über Titine (Muskelproteine) zeigen, dass bei faszialen Dehnungen auch Muskelspannung sinnvoll und gesund ist. Längeres Halten (≥ 60 Sekunden) von Faszien- und Muskeldehnungen fördert sogar den Muskelaufbau.
So entsteht ein doppelter Benefit: Beweglichkeit und Kraft.

Welche kleinen Impulse oder Cues verwendest du, um das fasziale Netzwerk besser anzusprechen?

Um das fasziale Netzwerk anzusprechen, arbeite ich vor allem mit ruhigen, längeren Dehnphasen und einem bewussten Wechsel zwischen Kompression und Entlastung. Entscheidend ist dabei, dass die Aufmerksamkeit wirklich im Körper ankommt und die Teilnehmenden spüren können, wie sich der Zug aus verschiedenen Richtungen allmählich verändert. Ich lade sie ein, langsam in die Dehnung hineinzugleiten, statt sofort an die Grenze zu gehen – nicht mit dem Anspruch, möglichst tief zu kommen oder die Zehen zu erreichen, sondern mit der Haltung, neugierig und freundlich mit dem eigenen Körper zu sein.
Besonders wichtig ist mir auch ein gesundheitsorientierter Umgang mit Hilfsmitteln: Gerade bei Menschen ab etwa 50 empfehle ich darauf zu achten, Gurte nicht als „Ziehwerkzeug“ einzusetzen, um Überlastungen zu vermeiden. So entsteht Raum für eine Praxis, in der das Fasziengewebe weich werden darf, ohne Druck, ohne Ehrgeiz – getragen von Achtsamkeit und feiner Körperwahrnehmung.

Wo und wie kann man Yoga und Faszienarbeit mit dir praktizieren?

Am besten in meinem Yogastudio Yomavital in Gerasdorf bei Wien, wo wöchentlich mehrere GesundheitsYoga-Kurse sowie spezielle Faszienkurse stattfinden:
https://yomavital.at
Zusätzlich gibt es Massage- und Cranio-Sacral-Behandlungen, angeboten von meiner Lebensgefährtin.
Auch im Rahmen verschiedener Gemeindeprogramme gebe ich Kurse, u. a. in Bad Pirawarth, Gaweinstal und bei der VHS Mistelbach.
Das aktuelle Kursangebot findest du auf:
https://gesundheits.yoga
Dort teile ich außerdem regelmäßig Tipps rund um Yoga, Faszien und einen achtsamen Umgang mit dem Körper.

Vielen Dank Günter!

Faszien gehören zu jenen Bereichen unseres Körpers, die wir lange nicht beachtet haben – und die uns doch so tief prägen. Im Gespräch mit Günter wird spürbar, wie viel Potenzial in bewusster Bewegung, achtsamer Atmung und kleinen Veränderungen im Alltag steckt.
Wenn wir beginnen, dieses innere Netz wahrzunehmen und zu pflegen, wird der Körper weicher, der Atem freier und die innere Haltung ruhiger. Yoga wird dann nicht nur zur Praxis der Beweglichkeit, sondern zur Einladung, mit uns selbst in Beziehung zu treten – Schicht für Schicht, Atemzug für Atemzug.
Ich hoffe, das Interview inspiriert dich, dein eigenes Fasziennetz neugierig zu entdecken und ihm die Aufmerksamkeit zu schenken, die es verdient.

Günter Fellner ist Yogalehrer in Wien und spezialisiert auf Hatha Yoga, Faszienarbeit und gesundheitsorientierte Yogapraxis. Sein Weg begann aus dem eigenen Wunsch nach mehr körperlicher und mentaler Balance und führte ihn schließlich zu einer tiefen Auseinandersetzung mit Ausrichtung, sanfter Bewegung und nachhaltiger Gesundheitsförderung.

Nach seiner 300-Stunden-Hatha-Ausbildung erwarb er das 500+ Diplom der Yogaakademie, wo er sich besonders in Psychologie, Atemtechniken, Entspannungslehre sowie Gesundheits- und Seniorenyoga vertiefte.

Heute verbindet er klassisches Hatha Yoga mit Elementen aus Yogatherapie, FaszienYoga und Yin Yoga, um Menschen auf ihrem Weg zu mehr Beweglichkeit und innerer Ruhe zu begleiten. Eine zusätzliche Ausbildung in Faszientherapie an der Manus Akademie Wien erweitert sein Verständnis für ganzheitliche Körperarbeit.

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